Was ist hier normal?

 

Wenn Sie es schaffen, sich unsere Aufzeichnungen auf dieser Website von vorne bis hinten durchzulesen, fällt Ihnen vielleicht etwas auf: In Bezug auf Milly verwenden wir niemals das Wort normal. Als sich in den ersten zwei Jahren nach Millys Geburt immer mehr herauskristallisierte, dass etwas nicht stimmt, hörte ich oft „aber sie sieht doch ganz normal aus“. Nur: Wie sieht man denn ganz normal aus? Wie stellen Nichtbehinderte sich eigentlich einen behinderten Menschen vor? Im Rollstuhl sitzend und mit offensichtlichen Auffälligkeiten im Aussehen, in Mimik, Gestik und/oder ganz allgemein im Verhalten?

 

Der Begriff normal ist interessanterweise auch vorwiegend auf Kinder bezogen. Niemand käme auf die Idee einen Unterschied zwischen nicht normalen und normalen Männern, nicht normalen und normalen Frauen oder allgemein nicht normalen und normalen Menschen zu machen. Es ist die Rede von normalen Schulen, normalen KITAs, aber z. B. nicht von normalen Arbeitgebern. Warum spricht man behinderten Kindern das Normalsein ab? Behinderte Kinder sind auch ganz NORMALE Kinder, wie jedes andere Kind auch. Ich empfinde die Verwendung des Begriffs normal als nicht oder nur wenig wertschätzend. Sogar bei Eltern aus dem rehakids-Forum liest man immer wieder: “ob mein Kind mal normal wird“, “mein Kind wird eine normale Kita besuchen“, “bei normalen Kindern ist es so und so“ etc. Es macht mich traurig, wenn sogar Eltern behinderter Kinder ihre Kinder derart abwerten. Nur weil man behinderungs- und/oder krankheitsbedingt bestimmte Fähigkeiten nicht entwickeln konnte oder nicht mehr ausführen kann, heißt das doch nicht, dass man kein vollwertiger Mensch ist, denn darauf läuft die Verwendung dieses Begriffs meiner Meinung nach letztendlich hinaus. Jeder Mensch ist individuell einzigartig, eine Gleichheit gibt es nicht. Also kann es auch keine Normalität in Bezug auf Menschen geben.

 

Das Wort normal ist in den meisten Fällen nicht absichtlich negativ gemeint. Es soll letztendlich einen Unterschied zwischen Menschen herausarbeiten. Aber bitte doch nicht zwischen normal und nicht normal. Andererseits muss ich zugeben, ist es gar nicht so leicht, die passenden Worte zu finden. Wie könnte man daher den Unterschied wertschätzender formulieren? Mein Vorschlag wäre: am besten mit den Tatsachen. Sagen wir normale Kinder, meinen wir doch eigentlich gesunde Kinder oder nicht behinderte Kinder. Wollen wir das „Anderssein“ betonen, bietet sich vielleicht lernbehinderte Kinder, körperbehinderte Kinder, geistig behinderte Kinder, verhaltensauffällige Kinder, sprachverzögerte Kinder, gesundheitlich eingeschränkte Kinder u.s.w. an. Warum sagen wir das denn nicht einfach? Statt normale Schule, kann man auch Regelschule sagen und sie zur Förderschule abgrenzen. Unsere Welt und die Menschen die in ihr leben, sind so wunderbar vielseitig, dass das Wort normal in diesem Zusammenhang völlig deplatziert und sowas von vorgestern ist.

 

 

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