Was ist hier korrekt?

 

Damit tut sich aber schon das nächste Problemfeld auf. Denn darf man überhaupt noch das Kind beim Namen nennen und  z. B. behindert sagen? Das Wort behindert kam irgendwann in Verruf, aus behinderter Mensch wurde der Mensch mit Behinderung. Die eine Bezeichnung stellt wohl die Behinderung mehr in den Vordergrund, gilt als stigmatisierend, die andere betont den Menschen, nicht die Einschränkung. Von meinem Sprachempfinden her, ist keine dieser Bezeichnungen stigmatisierend. Ich persönlich finde es grundsätzlich nicht stigmatisierend jemanden als behindert zu bezeichnen, wenn der Begriff in Verbindung mit gesundheitlichen Einschränkungen genannt wird.[1] Will ich Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Toleranz erreichen, wäre es nicht so sinnvoll auf Gleichstellung zu pochen. Denn ein behinderter Mensch braucht nun einmal, je nach Art und Umfang der Behinderung natürlich, mehr Unterstützung und Zuwendung. Welche Bezeichnung letztlich angemessen ist, können vielleicht auch nur die Betroffenen selber entscheiden. Ich bin lediglich Angehörige eines behinderten Kindes und kann nur als Nicht-Betroffene sprechen.

 

In den letzten Jahren gab es so einige Versuche, das Wort behindert freundlich zu umgehen.

Unsere BPAN-Familien in den USA sprechen z. B. von special needs kids. Aber nun hat nicht jeder Behinderte auch besondere Bedürfnisse. Und andersherum: gesunde Kinder können ebenfalls besondere Bedürfnisse haben. Diese Bezeichnung finde ich nicht wirklich treffend gewählt.

In Deutschland hat sich der Begriff besonders etabliert. Wie schon im Text erwähnt, finde ich ihn albern, da jeder Mensch etwas Besonderes ist. Außerdem ist sonderbar nur einen Steinwurf von besonders entfernt. Ich finde, dass dieses Wort kein bisschen behindertenfreundlicher rüberkommt.

Daneben gibt es umständliche Bezeichnungen, wie Integrationskind oder Kind mit Sonderförderbedarf, die nur zu seltsamen Kürzeln führen, wie z. B. I-Kind. Aber klingt I-Kind so viel besser bzw. wertschätzender?

 

Bedenken sollte man natürlich auch, dass manche Eltern die Behinderung des Kindes erst annehmen müssen. Sie werden es, wie auch ich damals, nur schwer ertragen, wenn ihr Kind als behindert bezeichnet wird. Zumal, wenn noch gar nicht klar ist, ob die ausbleibende Entwicklung in einem bestimmten Lebensbereich einmal zu einer Behinderung führen wird. Dann ist es durchaus angebracht von entwicklungsverzögerten Kindern zu reden.

 

Letztendlich können alle diese Begriffe in irgendeiner Weise stigmatisieren, da ich diesen einen Menschen von allen anderen aufgrund einer spezifischen Besonderheit und sei es auch nur mit einem Buchstaben (I-Kind) abgrenze.

 

Ob wir hier jemals den richtigen Ton treffen werden und ob es grundsätzlich ein richtig oder falsch geben kann, weiß ich nicht. Kann man es überhaupt jemandem Recht machen? Was dem einen egal ist, stößt dem andern übel auf. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig, wie wer bezeichnet wird. Es kommt immer auf den Kontext an. Wenn er wertschätzend und vor allem wertfrei ist, wird sich wohl niemand an Bezeichnungen wie behindert oder besonders stoßen.

 

Es gibt aber Bezeichnungen, die - übrigens  auch gerne von Eltern behinderter Kinder – vorgeblich verwendet werden, um Menschen mit Behinderungen sympathischer oder cooler rüberkommen zu lassen. Hier werden ernstzunehmende Erkrankungen/Syndrome entweder verniedlicht, so z. B. Downie (für Menschen mit dem Down-Syndrom) oder Aspi (Menschen mit Asperger-Autismus). Oder das Kind wird auf seine spezifische Behinderung reduziert: Rolli-Kind, Herz-Kind, ICP-Kind etc. Sicher: Es macht den Austausch mit anderen Eltern einfacher, gerade wenn man nicht die ganze Krankengeschichte erzählen will. Und ja: vielleicht kann man auch einwenden, dass es kleinkariert ist, nun auch noch darüber die Nase zu rümpfen. Man kann darüber streiten, der Kontext ist natürlich auch entscheidend. Aber ich möchte mich ehrlich gesagt auch nicht als Brillie bezeichnen lassen, nur weil ich eine Brille trage. Oder würden Sie einen krebskranken Menschen Krebsi, eine Frau mit Multipler Sklerose MS-Frau, Depri-Mann bei Vorliegen einer Depression oder einen nierenkranken Menschen Nierle o.ä. nennen? Warum haben wir bei Menschen mit dem Down Syndrom und vor allem bei Kindern in dieser Hinsicht weniger Hemmungen? Hinter all den Krankheiten/ Behinderungen stecken doch auch Schicksale, Leid, Schmerz … Natürlich nicht immer. Aber wir stecken nicht in diesen Menschen drin. Jeder von uns will doch zuerst als Mensch wahr- und angenommen werden. Ja, ein Rolli-Kind ist ein Kind im Rollstuhl. Aber der Rollstuhl ist doch nicht das einzige, was dieses Kind ausmacht. Einen Menschen nur auf ein Charakteristikum seiner Persönlichkeit zu reduzieren, ist wenig wertschätzend. Der Respekt bleibt auf der Strecke.

 

[1] In der Jugendsprache z. B. gilt behindert heute eher als Schimpfwort, wobei es keinen Bezug zu geistigen und/oder körperlichen Einschränkungen geben muss.

 

 

Kommentare

Bitte geben Sie den Code ein
* Pflichtfelder
  • A.H. (Freitag, 29. September 2017 21:27)

    Vielen Dank für Eure anregenden Gedanken!
    Dazu möchte ich ergänzen: Nach meinem Menschenbild "ist" eine Person nicht behindert, sondern sie "hat" eine Behinderung. Das "Sein" empfinde ich als ausgrenzend, weil es die Person auf die Behinderung reduziert.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Familie Nielbock